Gedanken zum Evangelium nach Johannes 8, 1 – 11  am 5. Fastensonntag

In diesem Sonntagsevangelium wird die Begegnung zwischen Jesus und der Ehebrecherin erzählt und in der Tat, gilt bekannter Text als eines der markantesten Zeugnisse der Barmherzigkeit Gottes, von der die ganze Bibel des AT wie des NT kündet. Bereits der Hl. Augustinus hat die Pointe dieser Erzählung ganz im Sinn der biblischen Botschaft in das klassisch gewordene Wortspiel gefasst: „Nur zwei blieben zurück, die Erbarmenswerte und die Barmherzigkeit“ (misera et misericordia).

Nachfolgende Ausführungen zu Joh. 8,1 – 11, es ist keine Predigt, wollen andere  Gedanken und Interpretationen darlegen.


Jesus und die Ehebrecherin, franz. Kupferstich, 1747

1.  Diese eindrucksvolle Erzählung gehört mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht zum ursprünglichen Text des Johannes-Evangeliums, sondern es handelt sich um einen späteren Einschub.  Sie taucht zum ersten Mal außerbiblisch in der sog. „Didaskalia“, einer syrischen Kirchenordnung des 3. Jahrhunderts auf, und sie wandert dann allmählich in die verschiedensten griechischen und lateinischen Bibelhandschriften und wird an dieser Stelle im Johannes-Evangelium eingefügt, Vor allem durch die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus, die Vulgata, ist sie dann auch in der gesamten westlichen Christenheit bekannt geworden; und wohl erst seit dem 4. Jh. gehört sie fest zum Kanon der neutestamentlichen Bibel und hat bis heute in evangelischen wie in katholischen Leseordnungen der Sonntagsevangelien ihren festen Platz. Die dunkle Entstehungsgeschichte hat ihre helle Wirkungsgeschichte in der Kirche nicht verhindern können. Es wäre wirklich ein kostbares Juwel verloren gegangen.

2. Zur Bibel als der Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel gehören zwei wesentliche differenzierende Merkmale: Der Gott Israels ist unsichtbar, seine Transzendenz verbietet es, sich ein Bild von ihm zu machen oder sich seiner zu bemächtigen. Um jede Verwechslung mit der Welt der Geschöpfe auszuschließen, kommt es im strengen Monotheismus zum Medienwechsel vom Bild zur Schrift. Sie ist das zweite unterscheidende Merkmal. In der Schrift ist der Autor nicht gegenwärtig. Allerdings ist er durch die Buchstaben, die er hinterlässt, zumindest indirekt anwesend. Das Buch Exodus erzählt, dass Gott selbst mit dem Finger die Zehn Gebote auf die Tafeln geschrieben habe. Eine unglaubliche Geschichte!  Der Ewige, der einzige Gott  streift auf dem Berg Sinai für einen Augenblick Zeit und Geschichte. Dann entzieht er sich wieder.

3. Die Schrift wird sakral, und geschieht ausgerechnet  in Israel. Vom alten griechischen Alphabet wissen wir, dass es das mündlich gesprochene Wort exakt einfängt, es kennt auch für die Vokale Buchstaben. Die hebräische Schrift hingegen besteht nur aus Konsonanten, die Vokalisierung bleibt offen. Das schafft gegenüber der Alltagssprache Distanz. Die hebräische behält sich so einen ‘identitätsstiftenden Nimbus’.  Die Schrift wird zur Heiligen Schrift.

Die Sakralisierung der Schrift hat Folgen. Gerade die Schriftgelehrten laufen Gefahr, sich auf den bloßen Buchstaben des Gesetzes zu fixieren. Es kommt zu Formen einer ‘Schriftverehrung’, wie der Evangeliumstext deutlich macht. Bei Paulus wird später zu lesen sein „vom Buchstaben, der tötet, und vom Geist, der lebendig macht“.

4. Im Evangelium vom 5. Fastensonntag setzt Jesus der buchstabengetreuen Auslegung der Tora durch die Schriftgelehrten einen Transfer ins Geistige gegenüber, ohne dadurch die Schrift zu annullieren. Dabei kommt es zu einer neuen Unterscheidung, der zwischen innen und außen. Die Schriftgelehrten legen auf das Äußere wert, die Befolgung der Reinheitsvorschriften, des Sabbatgebots, Jesus hingegen komme es auf das Innere an, das Herz.

Pieter Bruegel, Jesus und die Ehebrecherin, 1565

5. Und Jesus schreibt.

In der Geschichte von der Ehebrecherin im Johannesevangelium wird dieser Konflikt deutlich. Die Schriftgelehrten bringen die in flagranti ertappte Frau zu Jesus. Die Lage ist gespannt. Jesus steht in Verdacht, die Schrift zu relativieren, da seine Jünger die Reinheitsvorschriften und Sabbatgebote nicht so beachten, wie es erwartet wird. Jetzt aber scheint der Fall eindeutig zu sein: ‘Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen – was sagst du?’ Anstatt auf die Frage einzugehen, bückt sich Jesus und schreibt mit dem Finger in den Sand. Das ist die einzige Passage im Neuen Testament, in der Jesus vom Medium der Schrift Gebrauch macht.

Die Geste unterbricht den Mechanismus der Verurteilung. Der schreibende Finger aber erinnert an den Gottesfinger, der auf dem Berg Sinai die beiden Tafeln beschrieben hat. Aber diesmal wird nicht gesagt, was geschrieben wird. Die Leerstelle ist markant. Dann folgt der berühmte Satz: ‘Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.’ Dadurch lenkt Jesus die Aufmerksamkeit von der Beschuldigten weg auf die Schuld der Beschuldiger. Denen, die meinen, den Gotteswillen genau zu kennen, wird klar, dass auch sie auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind.

Jesus und die Ehebrecherin, Zeichnung von J. Raschhuber

6. An Johannes 8, 1 -11 wird auch uns Heutigen zutreffend klar, dass das Christentum – anders als Judentum und Islam – keine Buchreligion ist. Abschließend sein Paulus angefügt: ‘Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch.’

Am 5. Fastensonntag 2019 geschrieben