Die Almer Wallfahrt über das Steinerne Meer war für Pater Kajetan Filipowicz heuer nur eine Art Eingehtour. Denn schon zwei Tage später – nach eigenen Angaben noch mit leichtem Muskelkater – war der Franziskaner-Seelsorger schon wieder unterwegs. Die 300 Kilometer auf dem »Camino Primitivo«, einer Teilstrecke des berühmten Jakobswegs nach Santiago de Compostela, waren für ihn eine einzigartige Erfahrung.
Die Frage, welche der beiden Pilgerstrecken – Almer Wallfahrt oder Camino Primitivo – schöner war, kann der Pater nicht beantworten. »Die sind nicht vergleichbar«, sagt er. Bei der Almer Wallfahrt sei man mit 2 000 Menschen unterwegs, auf dem Jakobsweg erlebe man über weite Strecken große Einsamkeit. »Hier kann man neue Erfahrungen machen, innere Einkehr halten und sich Gedanken über sein Leben machen«, erzählt der Franziskanerpater.
Konditionelle Probleme hatte der Berchtesgadener Pilger nie, denn gerade heuer war er viel in den Bergen unterwegs. Immerhin gab es auf dem »Camino Primitivo« aber 300 Kilometer in teils anspruchsvollem Gelände zu bewältigen. Der höchste zu überwindende Punkt lag auf 1200 Metern.
»Primitiv« bedeutete in einer veralteten Sprache »ursprünglich«. Als der ursprüngliche Jakobsweg wird der älteste der Pilgerpfade laut Aufzeichnungen schon seit dem 9. Jahrhundert benutzt. Zu dieser Zeit war fast ganz Spanien von den Mauren besetzt. Damals pilgerte der König des christlichen Asturien, Alfonso II., der Keusche, vier Jahre nach der Entdeckung des Apostelgrabes von Oviedo nach Santiago de Compostela. Danach wollten auch andere Pilger beim Apostel Hilfe für das bedrohte Königreich erbitten. Auch Armut und eine Menge von Krankheiten prägten das Leben ganzer Gesellschaften und vieler Generationen. Trotzdem glaubten die Menschen zutiefst, dass Gott die einzige Kraft sei, die in der Lage ist, ihr Leben zum Besseren zu verändern. Im Vertrauen darauf, dass der heilige Jakobus für sie bei Gott eintreten würde, folgten sie dem Weg zu seinem Grab, in der Hoffnung, dass die Gebete gehört würden. So entstand dieser Abschnitt des ursprünglichen Jakobswegs.
Mit »klopfendem Herzen« flog Pater Kajetan am 29. August von München nach Asturien. »Von Anfang an habe ich sehr viel Glück gehabt und Gottes Segen erfahren«, erinnert sich der Seelsorger. Gleich nach der Ankunft am Flughafen traf er einen Münchner, der schon viele verschiedene Jakobswege gegangen ist. Am Abend in Oviedo berichtete er viel vom Camino und gab dem Pater gute Tipps.
Der Start erfolgte am Mittwoch, 30. August, am Dom von Oviedo. Es war noch dunkel, als Kajetan einem jungen Polen begegnete. Die beiden entschieden sich, den ersten Tag gemeinsam zu gehen. Erst war noch schönes Wetter, dann begann es zu nieseln, später setzte starker Regen ein, mehr als drei Stunden lang. »Eigentlich hat es uns richtig runtergewaschen. Das war unsere Camino-Taufe«, erinnert sich Pater Kajetan.
Drei Tage später folgte die Etappe von Tineo nach Berducedo. Nach dem Ort Borres gibt es zwei Varianten: den neuen Weg über Pola de Allande oder den traditionellen Weg, »Hospitales« genannt, vorbei an den alten Ruinen der Krankenhäuser und Herbergen von Paradiella, Fonfaraon und Valparaiso. Die wollte Kajetan sehen und ist nachträglich froh über seine Wahl: »Eine wunderschöne Route.«
Am Paolo Pass verbinden sich die Wege wieder. Noch ein wenig hinauf, dann ging es weit hinunter nach Montefurado. Unglaubliche Hitze lag an diesem Tag über dem Land und kein Wasser, keine Quelle zu finden. Dann endlich Montefurado. Ein altes, praktisch verlassenes Dorf. Die Häuser aus unbehauenen Steinen gebaut. Erst spät am Abend kam Kajetan ins nächste Dorf – Berducedo. Fast 40 Kilometer hatte der Pilger aus Berchtesgaden an diesem Tag in den Beinen – die Königsetappe. In der Herberge haben ihn junge Deutsche zum selbst gekochten Essen eingeladen.
Nach zwölf Pilgertagen kam Kajetan am Samstag, 10. September, in Santiago de Compostela an. »Ich war sehr glücklich und zufrieden«, erinnert sich der Franziskanerpater. Weil er noch vier Tage Zeit hatte, nahm er den Bus nach Finisterre. Kajetan: »Vom Kap Finisterre schaute ich hinaus zum weiten Horizont und in die unendlichen Weiten des Atlantiks. Schon sehr faszinierend und geheimnisvoll, am Ende der Welt zu sein.«
Von Finisterre aus ging es noch einmal rund 30 Kilometer zu Fuß weiter nach Muxia, zu einem weiteren berühmten Heiligtum Galiciens, der Santuario de Nosa Señora da Barca. Angeblich ist dort die Gottesmutter dem Apostel Jakobus erschienen. Der Apostel habe sich hier am äußersten Ende der damals bekannten Welt zurückgezogen, um zu beten, heißt es. Er sei in tiefe Traurigkeit verfallen wegen der Menschen, die ihr Heidentum nicht ablegen wollten. Da habe er in der Ferne im Meer ein Boot entdeckt, das immer näher kam. Schließlich konnte er auf dem Boot die Gottesmutter Maria erkennen, die ihm Trost brachte und ihn aufrichtete, sein Missionswerk fortzusetzen. Daher der Name »Jungfrau vom Boot«.
Kajetan: »Nach der Abendmesse in dieser Kirche saß ich alleine auf einem Felsen direkt am Meer und schaute der Sonne beim Untergehen zu. Eine gute Zeit, um sich an alles zu erinnern und zusammenzufassen, was ich den letzten beiden Wochen erleben durfte.« Und weil Pater Kajetan so begeistert ist von dieser Pilgerreise, plant er Ähnliches bereits für das kommende Jahr.

Dann will er 400 Kilometer auf dem Caminho Portugués nach Fatima zurücklegen. »Das soll dann ein Exerzitienweg werden, denn diesmal war es ein Bußweg.«