Kunstwerke und Kanonenfutter: Die verschlungene Geschichte der Glocken der Franziskanerkirche

Berchtesgaden – Wer die Glocken der Franziskanerkirche hört, freut sich möglicherweise über deren Wohlklang – oder auch nicht. Wem der »Ton gehört«, weiß der Hörer allerdings nicht so genau.

Die Angelusglocke ist die größte Glocke, die zu den Gottesdiensten in die Franziskanerkirche ruft. Sie wiegt immerhin 1 100 Kilogramm und machte im Zweiten Weltkrieg eine Reise zu den Schmelzöfen, kam aber unversehrt zurück.

(Fotos: Wechslinger)

Die Franziskanerkirche ist eine Besonderheit unter den Kirchen des Berchtesgadener Landes. Zum einen die Gebäudeteile betreffend, zum anderen auch die Glockenfrage. Eigentümer von Franziskanerkloster und Franziskanerkirche ist der Freistaat Bayern. An die Klosterkirche wurde auf der Nordseite schon im ausgehenden 17. Jahrhundert ein Läutturm für den zweiten Friedhof der Pfarrei St. Andreas aus Kälbersteinmarmor angebaut. Baumeister war mit Lorenzo Sciasca aus Graubünden ein bedeutender Baumeister seiner Zeit. Der sogenannte Frauenturm gehörte und gehört noch immer mitsamt der Turmuhr und den beiden Glocken der Kirchenstiftung St. Andreas.

Drei Glocken bis 1917

Im Turm hingen bis zum Jahre 1917 drei Glocken, in einem aufgesetzten Dachreitertürmchen befand sich eine vierte Glocke, die sogenannte Konventglocke. Durch Bekanntmachung der drei stellvertretenden Generalkommandos vom 1. März 1917 wurden alle Glocken, soweit sie aus Bronze waren und sofern sie keinen besonderen wissenschaftlichen, geschichtlichen oder kunstgewerblichen Wert besaßen, für Heereszwecke beschlagnahmt. Gemäß Gutachten des Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns vom 22. März 1917 wurden deshalb die Konventglocke sowie die größte und die kleinste Glocke des Kirchengeläuts von der Beschlagnahme, Enteignung und Ablieferung befreit. Die zweite Glocke allerdings, die wie die Größere 1686 von Johann Nuspicker in Salzburg gegossen, 1890 aber schon von Franz Oberascher in Reichenhall umgegossen worden war, musste an die Militärverwaltung abgegeben werden. Diese, auf den Ton »a« gestimmte Glocke hatte eine Höhe von 90 cm und einen Durchmesser von 95 cm. Auf ihr waren zwei Bilder angebracht: St. Franziskus und die Hl. Dreifaltigkeit mit der Inschrift »Sanctissima Trinitati 1686 Denuo 1890«. Am Schlagrand die Umschrift »Gegossen von Franz Oberascher in Reichenhall aus freiwilligen Gaben der Pfarrangehörigen Berchtesgadens«. Bei der Glockenabgabe zerschlug man die Glocke damals gleich im Turm. Im Laufe des letzten Kriegsjahres 1918 wurde in ganz Deutschland eine zweite Glockenabnahme angeordnet. »Unsere tapferen, siegreichen Krieger bedurften dringend neuer Waffen, um einen ehrenvollen Frieden herbeizuführen, und unsere heldenmütig kämpfende Armee musste mit allen Mitteln ausgestattet werden, welche das Ende des Weltkampfes rascher herbeiführen konnten.« Bei der Nachprüfung der Geläute durch den mit der Durchführung und Festlegung der Gruppenzugehörigkeit betrauten Ausschuss im Bezirk Berchtesgaden-Reichenhall am 10. September 1918 wurden noch weitere Bronzeglocken zur Ablieferung an die Militärverwaltung ausgeschieden. Bei den im Jahr zuvor in der Franziskanerkirche belassenen Glocken wurde der besondere wissenschaftliche, geschichtliche und kunstgewerbliche Wert glücklicherweise auch im Jahre 1918 geachtet und die drei Glocken durften hängen bleiben. Die Größte von den im Jahre 1917 nicht enteigneten Glocken war die Angelusglocke im Frauenturm. Sie hat ein Gewicht von 1100 kg und einen Durchmesser von 118 cm und ist auf den Ton “f” gestimmt.

Auf ihr ist das Bild von Maria als Königin, gegenüber ein Schild mit der Inschrift »Joannes Nuspikher hat mich gegossen 1686«. Lange wurde diese Glocke als Friedhofsglocke bei Beerdigungen verwendet. Das änderte sich erst mit dem Bau der neuen Aussegnungshalle mit einer eigenen Glocke. Ganz oben in der Turmlaterne hängt das Feuer-, Notoder Hungerglöcklein, es ist auf den Ton »dis« gestimmt, hat ein Gewicht von »nur« 80 kg und einen Durchmesser von 38 cm. Aufgrund der stark verwitterten Inschrift lässt sich das Alter dieses Glöckleins leider nicht mehr bestimmen.

Auf »e« gestimmt

Im Dachreiter auf dem Westgiebel der Kirche hängt das Konventglöcklein mit der Inschrift »AMDCCXVI Franciscus Gartner in Salzpurgh goß mich«. Auf der Glocke sind die Abbildungen von St. Michael, Antonius, Immaculata und Franciscus zu sehen. Der Durchmesser, der auf den Ton »e« gestimmten Glocke beträgt 59 cm. In seiner »Geschichte des Franziskaner-Klosters Berchtesgaden« drückt es Pater Franz Adelhardt so aus: »Am 6. März 1716 wurde die erste Hand angelegt zum Baue des Chortürmchens, der am 27. April mit der Aufsetzung eines Marienbildes beendet wurde.

Die 179 Pfund schwere Chorglocke stiftete der geistliche Vater, der Leithauswirt Stephan Maltan; sie kostete mit den Schlosserarbeiten 119 Gulden 24 Kreuzer und war vom Salzburger Glockengießer Franz Gartner gegossen. Am Pfingstabend (1716) erklang sie zum ersten Male zur Vesper.« Die größten Feinde der Kirchenglocken sind, so kann man aus der Geschichte ablesen, die Kriege, stellvertretend natürlich für die, die sie führen. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden in den frühen 1940er-Jahren deutschlandweit die Kirchenglocken eingesammelt. Als »Kanonen-Rohstoff«. So wurden am 17. und 18. März 1942 auch von den Türmen der Franziskanerkirche die Glocken abgenommen. Anders als im Ersten Weltkrieg zählte jetzt die kulturgeschichtliche Bedeutung nur noch bedingt. Die beiden größeren Glocken mussten ihren angestammten Platz in der Franziskanerkirche verlassen. Nur das sogenannte Hungerglöcklein durfte in der Laterne des Frauenturms verbleiben.

Weil der Turm jedoch der Kirchenstiftung St. Andreas gehört, musste sich nach der Glockenabnahme der Stiftskirchenmesner Georg Walch um das noch verbliebene Glöckchen bemühen. In dem oben genannten Büchlein schreibt der Hauschronist über Walchs Tun anerkennend: »Er verlegte in geschickter und mühsamer Arbeit auf dieses einzige Glöcklein den Ganzstundenschlag, auch den Viertelstundenschlag und richtete eine der Glockenschalen ein, die bisher im Klostergang zum Schlagwerk der Hausuhr gehört hatten.« Schon bald nach Ende des Zweiten Weltkrieges kamen alle Glocken des Berchtesgadener Landes – bis auf eine Glocke der Stiftskirche, die wahrscheinlich beim Transport zerbrach – wieder auf ihre alten Kirchtürme zurück. Glocken sind also, insbesondere die der Franziskanerkirche, nicht nur die Rufer zum Gottesdienst, sondern auch Geschichtenund Geschichtserzähler. Man muss nur aufmerksam zuhören können.

Dieter Meister

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